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Schwerter Laternenweg

Sagenhaftes Schwerte an der Ruhr in fünf Erzählungen

„Schwerte ist ein Mittelpunkt westfälischer Volkssagen“, das notierte Gerhard Löbker bereits im Jahr 1852 in seinem historischen Reisebericht: „Wanderungen durch das Ruhrtal“. Um diese reiche, regionale Kultur zu bewahren und augenfällig ins rechte Licht zu rücken, wurde für alle Bewohner und Besucher unserer Stadt der Schwerter Laternenweg geschaffen.

Fünf ausgewählte Sagen lassen sich so bei einem Rundgang durch die schöne Schwerter Altstadt an den original Schauplätzen erkunden, welche in scherenschnittartigen Bildern auf den entsprechenden Laternen mit ihren charakteristischen Szenen dargestellt sind.

Mit diesem Begleitheft und dem darin enthaltenen Übersichtsplan ausgestattet, können Sie sich nun auf den Weg machen, um die spannenden Geschichten vor Ort nachzu-lesen und so einzutauchen in die Schwerter Sagenwelt längst vergangener Zeiten.

Die weiße Frau vom Wuckenhof

Auf dem Wuckenhofe in Schwerte, der früher Wieme oder auch Weidenhof genannt wurde, liegt seit undenklichen Zeiten ein versunkenes Schloss mit vielen, reichen und verborgenen Schätzen. Einst wohnte eine reiche Jungfrau darin. Zu welcher Zeit sie dort lebte, ist uns nicht überliefert und es mag wohl viele hundert Jahre her sein. Schwerte ist alt, sehr alt und die Sage ist es auch.

Sie war eine sehr geizige und habgierige Frau, die sich mancherlei Missetaten zu Schulden kommen ließ. Sogar Witwen und Waisen betrog sie und schaffte es, auf diese unredliche und gottlose Weise ein Vermögen zusammen zu tragen, mit dem sie die Truhen in den Kammern ihres Schlosses füllte.

Den Schlüssel, welcher die Türen dieser Prunkgemächer öffnete, bewahrte sie sicher in dem Kellergewölbe bei den anderen Schätzen auf, welche sie schon von ihren Vorfahren geerbt hatte.

Sie starb in der Blüte ihres Lebens.

Von ihrem Tode hat Niemand etwas erfahren und das Schloss war mit allen seinen unermesslichen Schätzen plötzlich verschwunden. Es geht die Sage, dass sich die Erde aufgetan hätte und das Schloss verschlungen hat.

Die Jungfrau fand nach ihrem Tode keine Ruhe. Sie weilt noch immer in der Nähe des Ortes, wo das Schloss gestanden hat und scheint dazu verurteilt zu sein, es über die Zeiten hinweg bewachen zu müssen. Das schlechte Gewissen lässt sie nicht ruhen, am Tage nicht und auch nicht in der Nacht. So wartet sie bis auf den heutigen Tag auf den Zeitpunkt ihrer Erlösung, die sie finden würde, wenn der unrecht erworbene Schatz in den Besitz eines armen Mannes fiele.

Im dreißigjährigen Kriege, als viele Soldaten in der Stadt einquartiert waren, kehrten zwei von ihnen spät am Abend aus dem Wirtshaus kommend – welches dort gestanden haben soll, wo sich heute die alte Mühle befindet –, zu ihrem Quartier zurück. Dazu wählten sie den schmalen Fußweg, der sie über den Wuckenhof führte.

Als die Beiden eben auf der Höhe angelangt waren, sahen sie in dem Augenblick, da die Turmglocke von St. Viktor die Mitternachtsstunde schlug, plötzlich eine weiße Gestalt vor sich stehen. Die Männer waren zu Tode erschrocken und wollten gleich davon laufen, aber das Gespenst stellte sich dem Einen von ihnen in den Weg.

Weiße Frau

Da ist dem Soldaten, als hörte er seinen Namen nennen und er fasste sich ein Herz. Obgleich noch zitternd vor Angst und Schrecken fragte er: „Was tust du hier, unheimlicher Gast? Was begehrest du?“ „Ich bewache hier am Ort einen reichen Schatz. Wenn du das Rechte wählst, bin ich erlöst und der Schatz ist dein. Kehre morgen wieder und sei um Mitternacht hier, aber nur du allein“. Nach diesen Worten war die weiße Gestalt verschwunden. Der Soldat, ein Sohn armer Eltern, hätte den Schatz wohl gerne besessen, aber was er gesehen, grauste ihn doch zu sehr. Er fürchtete sich und kam nicht wieder.

Lange Zeit später, da kommt, auch gerade zur Mitternachtszeit, ein armer Schwerter Bürger, der nach seiner Arbeit den Lohn des Tages in einem Wirtshaus durchgebracht hatte, desselben Weges gezogen.

Da, plötzlich erscheint wieder die weiße Jung-frau und spricht ihn mit denselben Worten an.

Er ist aber ein Mann von altem Schrot und Korn, ohne Furcht und Grauen. „Ich will morgen wiederkommen“, sagt er und hält sein Versprechen. Wie er ankommt, hört er die Glocke von St. Viktor Mitternacht schlagen.

In demselben Augenblick steht die weiße Jungfrau vor ihm. „Hier“, sagt sie ihm, „hier ist die Hacke und dort die Stelle wo der Schatz vergraben liegt“. „Ich soll hacken?“ spricht er, „hacke du selber“. Die Jungfrau greift zur Hacke und reißt eine mächtige, breite und tiefe Scholle vom Boden los. Und was geschieht? Die frische Erde beginnt sich zu spalten, der Boden rings umher erzittert und ein glänzendes Schloss steigt aus der Tiefe empor.

Der unerschrockene Mann tritt sofort durch die Kellertüre, die sich krachend von selber geöffnet hat, in das wundervoll erleuchtete Kellergewölbe ein und groß ist sein Erstaunen beim Anblick des Goldes und Silbers, das den weiten Kellerraum füllt.

Da ruft ihm die Jungfrau zu, doch ja nicht das Beste zu vergessen.

Er sieht sich weiter um, packt auch noch vor seinem Hinaustreten ein goldenes Gefäß ein, in dem ein eiserner Schlüssel liegt. Was er genommen, war das Gold, Silber wollte er nicht. Was soll er sich da noch mit dem eisernen Schlüssel beschweren?

Endlich tritt er schwer, mit den reichen Schätzen beladen hinaus – da schlägt die Kellertür krachend hinter ihm zu.

Er fühlt den Boden wieder erbeben und ihn umgibt plötzlich eine stockdunkle Finsternis. Da zittert der sonst so unerschrockene Mann nun doch und seine Sinne scheinen ihm zu vergehen.

Wie er nach einer Weile wieder zu Bewusstsein kommt, fühlt er von all den Kostbarkeiten, welche er eingepackt hatte, nichts mehr. Seine Taschen sind leer und es ist ihm, als hörte er die Jungfrau seufzen: Hättest du den Schlüssel mitgenommen, so wäre ich erlöst und du wärest der reichste Mann auf Erden.

Seit dieser Zeit ist wohl kein Armer zur rechten Zeit desselben Weges gekommen, denn die „Weiße Frau vom Wuckenhof“ erscheint noch immer um die Mitternachtsstunde und seufzt und weint und harret und wartet auf einen Armen, der sie erlöst.

Die Hexenrache oder der Nachtwächter von Schwerte

Vor vielen Jahren machte ein Nachtwächter in Schwerte zwei Schwestern zugleich den Hof, ohne es jedoch mit dem Heiraten ernst zu meinen.

Jede von den beiden forderte ihn zwar mehrmals dazu auf, aber es half nichts. Da taten sie sich deshalb zuletzt zusammen und schworen ihm Rache.

Die beiden Schwestern aber waren Hexen.

Hexenrache

Als der Nachtwächter nun eines nachts in seinem Bette lag, klopfte es auf einmal an sein Fenster, und als er dies geschwind öffnete um zu sehen wer dort war, packten ihn die beiden, hoben ihn auf und flogen mit ihm hoch in die Lüfte.

Erst wollten sie ihn in die Ruhr werfen, dann besannen sie sich aber eines besseren und setzten ihn stattdessen nackend auf einem hohen Baum aus, wo ihn die Leute dann am anderen Morgen halbtot fanden.

Der schiefe Turm von St. Viktor

Vor Jahren gab es hier in Schwerte ein Wander-heim, eine Herberge – Penne – nannten viele Schwerter das Haus.

Hier konnten wandernde Handwerksburschen übernachten, es stiegen aber auch schon mal Landstreicher dort ab.

Wenn sie ihren Aufenthalt dort nicht bezahlen konnten, mussten sie ihn abarbeiten: Baumschwarten zu Brennholz zersägen und bündeln zum Verkauf.

Hatten diese Pennebrüder dann mal einen Groschen zu viel, dann holten sie sich drüben in dem Geschäft am ehemaligen Brücktor einen Flachmann billigen Korn und vertran-ken ihn hier in der Nachmittagssonne auf dem Brückengeländer. Es war der Stammplatz solcher Pennebrüder.

Wie Hühner auf der Stange saßen sie ein-trächtig nebeneinander und ließen die Flasche kreisen. Eines Tages geschah es dann: Ein Schwerter – auch der beste Bruder nicht – gesellte sich zu ihnen und war scharf auf einen Trunk aus der wandernden Flasche. Als er nichts von dem Flascheninhalt abbekam, nahm er Rache:

„Wisst ihr, warum ihr einen Bauchnabel habt?“ fragte er listig die Pennebrüder auf dem Brückengeländer. „Neeee!“ kam deren arglose Antwort. „Na, dann hört mal gut zu! Den Bauchnabel hat der liebe Gott mit dem Zeigefinger gemacht. Damals, als er die Menschen erschaffen hatte, schaute er sich noch einmal genau sein Werk an. Bevor er ihnen Leben einhauchte, ging er die Reihe entlang. Mit dem Finger stieß er jeden an der ihm gefiel: „Fertig, fertig, fertig …!“

Mit jedem „Fertig!“ stieß der Schwerter Tu–nicht-gut auch die sitzenden Pennebrüder an, recht kräftig und nicht nur so mit dem Finger. Wie beim Spiel mit Dominosteinen die Steine, so kippte hier einer nach dem anderen hintenüber. In Zeit von Se-kunden war das Geländer leer.

Fünf triefende Gestalten stiegen laut schimpfend aus dem Mühlenstrang und suchten nach dem Halunken. Der aber war spurlos verschwunden.

Einziger Zeuge dieser ruchlosen Tat war der Turm der St. Viktor Kirche. Er soll sich damals vor Lachen gebogen haben!

Der Knüppelhund von Schwerte

In Schwerte macht ein Knüppelhund nachts durch die Straßen seine Rund‘.

Einst wollten nun mal kecke Bauern das ungeheure Tier belauern. Sie stellten sich hinter die Scheunentür und lugten durch einen Ritz herfür.

Als nun der Hund hier kam vorbei, erhoben sie ihr Hohngeschrei:
„He, Knüppelrüe, du Biest, haha!“ – Doch wehe, wehe, was geschah?

Der Hund ging auf die Scheune los und wurde dabei riesengroß. Die Haare standen ihm empor, jetzt schaut er schon übers Scheunentor. Er schaut mit den Feueraugen hinein, wie mocht es den Bauern zu Mute sein? Schnell liefen sie die Treppe hinan. Doch noch größer wurde das Tier alsdann.

Und als sie auf die Kammer kamen, da schaut das Biest durch den Fensterrahmen. Es schaut mit Feueraugen hinein, wie mocht es den Bauern zu Mute sein?

Zum Hohn hat keiner ‘ne Miene gemacht, das Tier hätte sie dann umgebracht.

Als der Knüppelhund sah das Bangen und Beben, da war die Rache gestillt, er ließ sie am Leben.

Drauf wurde er allmählich klein, bis er verschwand im Mondenschein.

Seitdem nimmt in Schwerte sich jeder in acht, wenn der Knüppelhund nachts seine Runde macht

Spuk in der Mühle

Kurz nach dem Dreißigjährigen Kriege klopfte ein Müllerbursche, der auch einige Jahre als Soldat mitgekämpft hatte und nun keine Lust mehr am faulen Herumlungern hatte, in der alten Schwerter Mühle um Arbeit an. Der Müller wollte ihn erst mit allerlei Ausflüchten abweisen; weil er aber ein stämmiger und strammer Kerl mit offenem Gesicht und guten Augen war, dem man es ansehen konnte, dass er ein ehrliches Herz hatte und sich vor einem Stück Arbeit nicht bange machte, nahm ihn endlich der Müller in seinen Dienst.

Der Müllerknecht musste nun abends in der Mühle ans Werk gehen und sollte, denn es war Erntezeit gewesen, die ganze Nacht mahlen und zugleich auch Brot backen. Ehe der alte Müller zu Bett ging, ermahnte er seinen neuen Gehilfen, er solle seine Augen offenhalten; in der Mühle sei es nicht richtig.

Der junge Mensch aber meinte, er sei nicht grüggelig (ängstlich), das habe er im Kriege verlernt. Er krempelte sich seine Hemdsärmel hoch, pfiff sich ein lustiges Liedchen, brachte die Mühlsteine in Gang und fing an, Holz in das offene Feuer zu werfen, um sich einen großen Kessel voll heißem Wasser zu machen.

Eben war das Wasser tüchtig am Aufbrausen und Kochen, als die große Glocke zwölf schlug.

Mit dem letzten Schlage kam durch das Hühnerloch ein kleines Kätzchen in die Mühle geschlichen, strich ein wenig umher und setzte sich dann ans Feuer. Einen Augenschlag später kam noch eins, das war ein bisschen größer und setzte sich auch an den Herd. Und dann kamen Katzen hereingesprungen, eine größer als die andere, ein ganzer Haufen, bis zuletzt eine kam, die ging bald nicht durch das Loch, weil sie so groß war wie ein Kettenhund. Die Augen waren wohl noch größer als eine Milchschale. Alle liefen an den Herd und blickten stur in das offene Feuer.

Der Müllerknecht, der gerade einen Wasserschöpfer in der Hand hatte, besah sich neugierig die große Katzenversammlung. Er wusste nicht, was er davon halten sollte, ließ aber keins der Tiere aus den Augen. Er konnte sich nicht denken, dass für so viele und so große Katzen so viele Mäuse in der Mühle sein sollten.

Auf einmal drehte sich das kleinste Kätzchen um, glemmte (starrte) den jungen Kerl mit glühenden Augen an und sagte mit einem ganz feinen Stimmchen: „Soll ich dich mal fressen?“ Eben war dem Müller der Gedanke durch den Kopf gegangen: Das muss ja ein wunderliches Kätzchen sein, das sprechen kann! Als auch schon das zweite mit einem etwas gröberen Stimmchen anfing: „Soll ich Dich mal fressen?“ Und dann drehte sich eine Katze nach der andern um, dass man das glühende Leuchten ihrer Augen sehen konnte, und alle riefen immer gröber und lauter: „Soll ich Dich mal fressen?!“ Und dann schrien und schräpften (kreischten) sie wild durcheinander, dass es sich anhörte, als wenn viele Teufel ihr Unwesen trieben.

Da wurde es unserm Müller aber denn doch zu bunt. Er sprang mitten dazwischen, schnappte sich seinen Wasserschöpfer voll kochend Wasser und rief lauthals: „Ich will Euch Donnerwetter bei fressen!“ Und dann schlug er ihnen das heiße Wasser mitten ins Gesicht, einen Schöpfer nach dem andern. Die Katzen überschlugen sich, wälzten sich durcheinander und schrien wie die Schweine, wenn sie am Messer sitzen. „Hinaus, ihr Äster!“ rief der Knecht und splenterte (spritzte) weiter mit seinem heißen Wasser. Hals über Kopf sprangen nun die Untiere durch das Loch nach draußen; sie konnten gar nicht so schnell hinauskommen.

Der Müller warf ihnen noch das scharfe Beil nach, das bei dem Holz lag, traf eine Katze und schnitt ihr ein Vorderbein ab, das bei dem Loche liegenblieb. Das Tier schrie wie der Teufel, wenn ihm der Schwanz abgekniffen wird, und sprang auf drei Beinen durch das Loch.

„So“, sagte der Müller, atmete auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn, „nun soll ich diese Nacht doch wohl Ruhe haben!“, machte sich seine Pfeife Tabak in Brand und gab sich wieder an seine Arbeit.

Am andern Morgen wollte sich der alte Müller wohl tot wundern, dass sein Knecht noch heil und gesund war. Der Knecht erzählte, was in der Nacht vorgefallen war und setzte sich hinter den Tisch. Nun erst sagte ihm der Meister die reine Wahrheit, dass es jede Nacht in der Mühle spuke und dass noch kein Müllerbursche den anderen Morgen erlebt habe. Nach dieser herzhaften Abfuhr sollten aber wohl die Hexen das Wiederkommen vergessen. So aßen sie nun ihre Morgensuppe.

Als sich aber die Müllerfrau immer noch nicht sehen ließ, fragt der Knecht, wo dann die Frau sei. Da stotterte der Meister, sie habe diese Nacht einen Unfall gehabt und läge im Bett. Der Bursche bedauerte die Müllerin und meinte, ob er sie wohl ansprechen dürfe; er verstehe sich auch auf allerlei Krankheiten. Der alte Müller ließ es zu, und der Knecht ging in die Kammer.

Was sah er dort? Das ganze Bett war mit Blutflecken besudelt, und die Müllerin hatte einen Armstumpf mit einem blutigen Tuch verbunden. Da wusste der junge Müller genug! Er riss der Hexe den Lappen vom Arm und sah den abgeschnittenen Stumpf. Dann übergab er das Weib dem hohen Hexengericht, das die Hexe so lange folterte, bis sie alle ihre bösen Gefährtinnen angab, die alle zum Tode durch Verbrennen verurteilt wurden.

Seit der Zeit hat man in der ganzen Gegend an der Ruhr von Hexen nichts mehr gehört.

Rundweg

Der Start- und Zielpunkt für den Rundgang über den Schwerter Laternenweg ist der Wuckenhof. Die Strecke führt dann durch den Westenort und die Westenstraße zum Marktplatz. An der St.-Viktor-Kirche vorbei durch den Norbert-Kaufhold-Weg, die Kirchtreppe hinunter zur Kötterbachstraße. Dann geht es durch die Mühlenstraße, rechts an der Alten Mühle vorbei, über den Südwall zurück zum Ausgangspunkt.