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Der Turm der Bösewichter

Die historische Altstadt Recklinghausens lässt sich heute entlang des Wallrings umrunden. Der Boulevard auf den alten Wallanlagen ist nach den historischen Herrschern „Grafen-, Herzogs-,Kurfürsten-, Königs und Kaiserwall“ benannt. Am schönsten Teil des Wallrings, dem Herzogswall führt der Weg vorbei an den Resten der historischen Stadtmauer mit dem Wachtturm und dem Stephansturm. Dieses 110m lange Originalstück vermittelt einen Eindruck von der einst 1700m langen Anlage mit fünf Stadtoren und 13 (?) Türmen des Jahres 1343. Der obere Teil des Herzogswalls wird dominiert von zwei weiteren hoch aufragenden Türmen, dem des altehrwürdigen Gymnasium Petrinum (1911) und dem der unmittelbar benachbarten Hauptfeuer-wehrwache (1909). Letzterer wurde an historischer Stelle errichtet.

Genau hier stand einer der mächtigsten Rundtürme der Stadtmauer, der Quadenturm. Seine damalige Größe wurde wegen der besonderen Tiefe des Doppelgrabens an dieser Stelle der Befestigung noch unterstrichen. Die besonders „gruselige Popularität“ erlangte der Quadenturm aber durch seine Funktion als Stadtgefängnis. Das niederdeutsche Wort „quad“ (böse, schlecht) gab dem „Turm der Bösewichte“ seinen Namen. Ab 1577 besaßen Bürgermeister und Rat das Recht, Verhaftungen vornehmen zu lassen. Die Rentmeisterrechnungen der Stadt verzeichnen die Kosten für Bier, Brot, Fleisch, Butter und Käse für die Inhaftierten. Die Nachricht, dass diese Nahrung dann an einem Seil hinuntergelassen zu den Gefangenen hinunter gelassen wurde, gewährt einen tiefen Blick in die Art des Verließes. Die Stadt ließ zur Sicherstellung auch Stricke, Ketten, Schlösser, Halseisen und Fußfesseln anschaffen oder verwahrte besonders gefährliche Verbrecher im „Stock“, der die Beine fest umschloss. Seit Einführung der „peinlichen Halsgerichtsordnung“ durch Kaiser Karl V. wurde auch die Folter Teil des formalen Beweisverfahrens. Vom Gefängnis erfolgte bei Kapitalverbrechen auch der Gang durch aus der Stadt heraus über den „Diebespfad“ zur Hinrichtungsstätte Segensberg bei Hochlar.

Herzogswall mit Gymnasium Petrinum und Feuerwache, um 1910

Eine besondere Fußnote der Geschichte bildete der neue, sogenannte „Quadenturm“, der 1938 eine hundert Meter entfernt erbaut wurde. Das 12m hohe Rundgebäude ge-hörte zum nationalsozialistischen Bauprogramm und war das aufwendigste und bekann-teste der „HJ-Heime“, das demonstrativ auf dem Gelände des Traditionsgymnasiums errichtet wurde. Während die NSDAP den martialischen HJ-Turm als „Schule …der Erziehung zu deutscher Wehrhaftigkeit und Treue und Charakterstärke“ feierten, erinnerten traditionsbewusste Recklinghäuser an seine Bedeutung als „Turm der Bösewichte“. Der Fake-Turm wurde 1982 abgerissen.

Wie ein Antipode zum „Turm der Bösewichter“ wirkt die Unterschutzstellung des heutigen Bauwerks unter den Schutz eines Heiligen. Das Relief des Hl. Florian, des Schutzpatrons gegen die Feuergefahr, prangt am Turm. Die Jahreszahlen 1868 (Abriss des historischen Quadenturms) und 1909 (Neubau) verweisen auf diesen Bedeutungswandel vom Ort des Schauderns und des Leids zum Symbol des Schutzes und der Hilfsbereitschaft.

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