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Der schiefe Turm von Soest

Alt-St. Thomä

„In einem kalten Winter hatte es einmal vor vielen, vielen Jahren so sehr geschneit, dass nur noch die Kirchturmspitze aus dem Schnee herausragte. Ein Kaufmann kam gegen Abend mit seinem Pferd von Lippstadt her und suchte ein Nachtquartier. Aber er fand in dem tiefen Schnee kein Haus und keine Herberge. Endlich band er sein Pferd an einen Zaunpfahl, wickelte sich in eine Decke und legte sich schlafen. Während er schlief, taute der Schnee, und als der Kaufmann erwachte, schaute er erstaunt um sich. Er lag auf einem Friedhof zwischen lauter Grabkreuzen. Von seinem Pferd war weit und breit nichts zu sehen. Plötzlich hörte er über sich lautes Wiehern, und als er hochblickte, sah er sein Pferd an der Kirchturmspitze hängen. Diese war der vermeintliche Zaunpfahl gewesen. Und von dem Gewicht des Pferdes und von seinem Strampeln und Toben sei der Kirchturm so schief geworden, so erzählen sich die Leute.“

(aus: Sagen am Hellweg – Heimatkundlicher Lesebogen 3, Soest 1964, S. 2)

Diese kleine Geschichte ist nur eine von vielen Legenden und Sagen, die sich um die Alt-St.-Thomä-Kirche, im Soester Volksmund „Schiefer Turm“, ranken. Ferdinand Freiligrath beschreibt ihn in einem seiner Gedichte als den sich „lustwandelnden Soesterinnen auf dem benachbarten Walle“ zuneigenden Turm.

Schiefer Turm
Schiefer Turm

Richtung Westen verbeugt sich der Turmhelm, welcher der Kirche 1653 aufgesetzt wurde, nachdem der vorherige im Dreißigjährigen Krieg abgebrannt war. Ob der Turm jedoch bewusst schief angelegt wurde, um beispielsweise den Süd-West-Winden zu trotzen, oder aber ob er sich erst im Laufe der Zeit verzog, beschäftigt Bauforscher noch heute und bleibt somit ein Geheimnis.

Neben dem Rätsel des schiefen Turmhelms hat die Kirche auch noch eine weitere mysteriöse Geschichte zu bieten:

„Vor Jahren soll in der Thomäkirche eine Hand gezeigt worden sein, von der man folgende Sage erzählt: Ein vornehmer Bürger in Soest hatte einen recht ungeratenen Sohn, der aller Ermahnung des Vaters in den Wind schlug und sich zuletzt sogar soweit vergaß, dass er seinen Vater mit den Fäusten misshandelte. Als nun bald darauf Gottes rächende Hand den Ungeratenen mit einem jähen Tode strafte und er hervorwuchs. Obgleich man sie wieder einscharrte, kam sie immer wieder zum Vorschein, bis man endlich die Hand Abschnitt und in der Sakristei der Thomäkirche zum ewigen Gedächtnis aufbewahrte. (Lotze)“

(aus Sagen aus der Heimat: ein geheimnisvolles Lesebuch / Bernd Kirschbaum, S. 242-243)

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