• Tradition und Atmosphäre

Kamener Weihnachtsgang

Zur Weihnachtszeit bietet die Gästeführergilde immer eine Führung mit Märchenerzählung an.

Hier einige Stationen einer Führung:

Wir starten am Alten Markt, der zur Weihnachtszeit besonders geschmückt ist. Nach der Begrüßung geht es zum Kirchplatz. Hier steht das Wahrzeichen der Stadt Kamen, die Pauluskirche mit ihrem schiefen Turm. Und hier erzähle ich Ihnen von einer besonderen Messe. Diese Geschichte hat sich vor langer, langer Zeit zugetragen, als sich die Friedhöfe noch neben den Kirchen befanden. Eine Frau hatte sich mehrere Jahre hintereinander zur Uchte verspätet. Als Weihnachten nun wieder nahte, nahm sie sich vor, in diesem Jahre aber rechtzeitig zu kommen.

Am Heiligen Abend machte sie sich früh auf den Weg zur Kirche. Als sie zum Gotteshaus kam, sah sie, dass alle Fenster hell erleuchtet waren. Ärgerlich, schon wieder den Beginn der Mitternachtsmesse verpasst zu haben, trat sie in das Gotteshaus und begab sich zu ihrem gewohnten Platz. Der aber war bereits besetzt. Allein die Betenden rückten zusammen, so dass auch für sie in der Bank noch Raum war. Am Altar stand ein Geistlicher, der ihr gänzlich unbekannt war. Nun sah sie sich ein wenig ihre Umgebung an. Ei, ihre Nachbarin kannte sie zwar – aber war die nicht schon vor langen Jahren gestorben?

Sie entdeckte noch einige Bekannte unter den Andächtigen, aber alle waren schon vor langer, langer Zeit begraben worden. Da packte sie die Angst. Die Frau neben ihr bemerkte ihre Unruhe und flüsterte ihr ins Ohr „Wenn der Priester das „Ite, missa est“ singt, dann lauf schleunigst aus der Kirche!“ Die Uchte ging ihrem Ende zu und sie erhob sich und drängte zum Ausgang. Gerade erklang das „Ite, missa est“, als die Frau die Kirchentür erreichte hatte. Sie stürzte hinaus. Im gleichen Augenblick fiel die schwere Tür ins Schloss und klemmte dabei noch einen Zipfel ihres Mantels ein. Vor der Kirche war es plötzlich stumm und finster. Die Kirchenfenster gähnten wie schwarze Löcher. Voller Angst eilte die Frau in der Dunkelheit über den stillen Friedhof zwischen den Gräbern fort. Das Gotteshaus lag schon weit hinter ihr, da begegneten der Frau die ersten Kirchgänger auf den Weg zur Uchte. Nun stellte heraus, dass sie sich mit der Zeit gänzlich vertan hatte. Sie war zwei Stunden zu früh zur Kirche gegangen und dadurch in die Messe der Toten geraten.

Eine weitere Station ist die Seseke. Ohne diesen Fluss würde die Stadt Kamen wohl kaum existieren, denn seit alters her leben die Menschen von und mit dem Fluss. So haben die Frauen ihre Wäsche dort gewaschen (das Bild aus dem Jahre 1895 zeigt sie bei ihrer Arbeit). Aber auch manch Handwerker das Wasser genutzt.

So hatten auch die Gerber ihre Arbeitsstelle an der Seseke, denn hier wurden die Felle gegerbt. Die Schuhmacher waren neben den Leinewebern die größte Zunft in Kamen. Und hier erzähle ich Ihnen die Geschichte von den Wichtelmännern.

Die Wichtelmänner (Brüder Grimm, KHM 39)

Es war ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden, dass ihm endlich nicht mehr übrig blieb als Leder zu einem einzigen Paar Schuhe. Nun schnitt er am Abend die Schuhe zu, die er am nächsten Morgen in Arbeit nehmen wollte; und weil er ein gutes Gewissen hatte so legte er sich ruhig zu Bett, befahl sich dem lieben Gott und schlief ein.

Morgens, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte und sich zur Arbeit niedersetzen wollte, so standen die beiden Schuhe ganz fertig auf seinem Tisch. Er verwunderte sich und wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er nahm die Schuhe in die Hand, um sie näher zu betrachten: sie waren so sauber gearbeitet, dass kein Stich daran falsch war, gerade als wenn es ein Meisterstück sein sollte. Bald darauf trat auch schon ein Käufer ein, und weil ihm die Schuhe so gut gefielen, so bezahlte er mehr als gewöhnlich dafür, und der Schuster, konnte von dem Geld Leder für zwei Paar Schuhen erhandeln.

Er schnitt sie abends zu und wollte den nächsten Morgen mit frischem Mut an die an die Arbeit gehen, aber er brauchte es nicht, denn als er aufstand, waren sie schon fertig, und es blieben auch nicht die Käufer aus, die ihm so viel Geld gaben, dass er Leder für vier Paar Schuhen einkaufen konnte.

Er fand frühmorgens auch die vier Paar fertig; und so ging’s immerfort, was er abends zuschnitt, das war am Morgen verarbeitet, also dass er bald wieder sein ehrliches Auskommen hatte und endlich ein wohlhabender Mann ward.

Nun geschah es eines Abends nicht lange vor Weihnachten, dass er vor Schlafengehen zu seiner Frau sprach: „Wie wär’s, wenn wir diese Nacht aufblieben, um zu sehen, wer uns solche hilfreiche Hand leistet?“ Die Frau war’s zufrieden und steckte ein Licht an; darauf verbargen sie sich in den Stubenecken, hinter den Kleidern, die da aufgehängt waren, und gaben acht. Als es Mitternacht war, da kamen zwei kleine, niedliche nackte Männlein, setzten sich vor des Schusters Tisch, nahmen alle zugeschnittene Arbeit zu sich und fingen an, mit ihren Fingerlein so behände und schnell zu stechen, zu nähen, zu klopfen, dass der Schuster vor Verwunderung die Augen nicht abwenden konnte. Sie ließen nicht nach, bis alles zu Ende gebracht war und fertig auf dem Tische stand, dann sprangen sie schnell fort.

Am nächsten Morgen sprach die Frau:
„Die kleinen Männer haben uns reich gemacht, wir müssten uns doch dankbar dafür bezeigen. Sie laufen so herum, haben nichts am Leib und müssen frieren. Weiß du was? Ich will Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für sie nähen, auch jedem ein Paar Strümpfe stricken; mach du jedem ein Paar Schühlein dazu.“ Der Mann sprach: „Da bin ich wohl zufrieden“, und abends, wie sie alles fertig hatten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnittenen Arbeit zusammen auf den Tisch und versteckten sich dann, um mit anzusehen, wie sich die Männlein dazu anstellen würden.

Um Mitternacht kamen sie heran gesprungen und wollten sich gleich an die Arbeit machen, als sie aber kein zugeschnittenes Leder, sondern die niedlichen Kleidungsstücke fanden, verwunderten sie sich erst, dann aber bezeigten sie eine gewaltige Freude. Mit der größten Geschwindigkeit zogen sie sich an, strichen die schönen Kleider am Leib und sangen:

„Sind wir nicht Knaben glatt und fein?
Was sollen wir länger Schuster sein!“

Dann hüpften und tanzten sie und sprangen über Stühle und Bänke. Endlich tanzten sie zur Türe hinaus. Von nun an kamen sie nicht wieder, dem Schuster aber ging es wohl, solang er lebte, und es glückte ihm alles, was er unternahm.

Als nächste Station gehen wir zu diesem verschneiten Gässchen. Hier endet die Führung und ich erzähle dieses Märchen.

Drei kleine Kater fuhren in den Wald, um Bäume zu fällen, denn es war ein kalter Winter. Aber so sehr sie sich auch bemühten, es gelang ihnen nicht, auch nur einen Baum zu fällen, Da wedelten sie traurig mit ihren Schwänzchen und gingen nach Hause. Sie betraten die Stube, setzen sich auf ihre Stühlchen und blickten um sich. Weil sie furchtbar froren, wollten sie ein Feuer machen, aber weit und breit gab es kein Stückchen Holz. Da fuhren die drei kleinen Kater wieder in den Wald und jeder Kater brachte einen Holzscheit nach Hause. Dann machten die drei kleinen Kater ein Feuer und kochten süßen Brei. Als der Brei fertig war, aßen sie ihn auf und wedelten lustig mit den Schwänzchen. Da sie nun satt gegessen hatten, gingen die schlafen.

Und weil sie immer noch schlafen, wollen wir sie auch nicht wecken und keine Märchen mehr erzählen, um sie nicht zu stören: „Pst..“
Nun wünschen wir allen Lesern eine frohe Weihnachtszeit.

Maria-Luise Steffan, Gästeführerin in Kamen

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