• So schmeckt der Sommer
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Lemgoer Brauereien, Felsenkeller und der Streit um die Tonne

Wie an vielen anderen Orten in Westfalen wurde auch im lippischen Lemgo bereits vor einigen Jahrhunderten gerne der ein oder andere Liter Bier getrunken. Um diesen Bedarf zu stillen, wurden in den 1740er Jahren vielerorts feste Brauhäuser eingerichtet, was auch dem Brandschutz diente. 1825 wurde dann eine fürstlich-lippische Musterbrauerei im Schloss Brake angesiedelt, für deren Erzeugnisse man einen Lagerraum benötigte. Dieser fand sich im Mergelgestein des Holsterberges, in dem 1831 ein Kellerraum zur Kühlung angelegt wurde. In diesem Felsenkeller, der nach wenigen Jahren schon erweitert werden musste, lagerte man in den nächsten Jahrzehnten dann nicht nur Sommerbier sondern sogar Eis. Den Weg in den Felsenkeller fand der Gerstensaft über den so genannten Bierweg, der auch über ein historisches Stauwehr in der Bega hinweg führte. Noch heute tragen der „Bierweg“ und der „Felsenkeller“ ganz offiziell die Namen aus der damaligen Zeit.

Aktuell gibt es in Lemgo keine Brauereien mehr. Nur die Studierenden und Forschenden mit dem Fachgebiet Getränketechnologie vom Institut für Lebensmitteltechnologie an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe beschäftigen sich manchmal noch intensiv mit der Herstellung des Getränks. Von den Brauereien hielt sich am längsten die Brauerei Tahler in der Papenstraße. Auf Schloss Brake wurde 1908 das letzte Fass gefüllt.

Aber auch in der Braukunst ging es manchmal nicht ohne Probleme. Der „Streit um die Tonne“ ist, was den Aachener Bildhauer Bonifatius Stirnberg 1977 zur Schaffung des Kanzlerbrunnens inspirierte. Anfang des 17. Jahrhunderts geschah der Vorfall, der eines von vielen Gliedern in der Kette der Spannungen zwischen den Lemgoer Bürgerinnen und Bürger und ihrem lippischen Landesherrn Graf Simon VI. war. Die Alte Hansestadt war dem Grafen schon deshalb ein Dorn im Auge, weil sie beharrlich an ihrem lutherischen Glauben festhielten, ungeachtet der Entwicklungen im Rest Lippes und des Glaubens von Graf Simon VI.

Erst 1587 hatte der Graf die Landesregierung von Detmold in das Schloss Brake verlegen lassen, in dem viele gräfliche Beamte nun ihren Arbeitsplatz hatten. Aufgrund des hohen Platzbedarfs waren sogar weitere Gebäude errichtet worden, um Kanzler und andere Beamte unterbringen zu können. Wohnen wollten die Bediensteten, ebenso wie Kanzler Dr. Balthasar Knaust, in den meisten Fällen aber in Lemgo anstatt in Brake, weswegen viele von ihnen nicht weit vom heutigen Standpunkt des Kanzlerbrunnens am Ostertor lebten.

Wenige Jahre später nun fielen die Lemgoerinnen und Lemgoer bei dem Grafen mehr und mehr in Ungnade und der „Streit um die Tonne“ war ein Punkt, an dem sich dieser Streit entzündete. So setzte die Stadt nämlich eine Tranksteuer ein, was nach Meinung von Simon VI. unrechtmäßig geschah. Ein noch größerer Affront war es, dass die Stadt sogar die privilegierten gräflichen Beamten damit belegte.
In Folge der vielen Streitigkeiten wandte sich der Graf in den folgenden Jahren mehr und mehr von Lemgo ab und Detmold zu. Zunächst wurden jährliche Zahlungen anders verteilt und schließlich wurden der gesamte Regierungssitz und die Residenz nach Detmold verlegt. Für Lemgo bedeutete dies einen enormen Bedeutungsverlust.

Rückblickend ist der „Streit um die Tonne“ somit noch eine recht harmlose und humorvolle Auseinandersetzung. Auch der Kanzlerbrunnen ist besonders bei Kindern und Besuchern der Stadt ein beliebtes Spiel- und Fotomotiv. So fließt das Wasser oben aus einer Tonne, die laut Künstler mit kostbarem Mindener Bräuhahn-Bier gefüllt ist, und rund um den Rand des Beckens finden sich die in den Streit involvierten Parteien als Bronzefiguren mit beweglichen Gelenken. Die ausdrucksstarken Gesichter und die Flexibilität der Figuren sorgen dafür, dass ihnen Groß und Klein regelmäßig die Hände schütteln wollen. Dr. Balthasar Knaust ist dabei besonders auffällig: Zum einen übertrifft seine Leibesfülle deutlich die der anderen Figuren. Zum anderen unterscheidet er sich auch durch seine Kleidung. Schlitze an den Hosenbeinen und edle Gewänder – diese Dienstkleidung wurde vom Landesherrn bezahlt und so stach Knaust nicht nur zu Lebzeiten sondern auch als Bronzefigur noch aus seiner Umgebung heraus.

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