• Stutzäsen, Potthast und ein Urzeit-Dackel
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Wie die Soester beim Hansetag 1605 die Abgesandten der Städte bewirteten

Was wir bei den Nachrichten über deftige Schlemmereien in alter Zeit gerne vergessen: Nur selten bekamen normale Bürger anderes Fleisch zu sehen als Speck und Sehnen. Hausmannskost waren Grütze und Brot. Rotes Bratenfleisch gehörte für die alten Soester zu den Träumen. Und die werden bekanntlich nur zuweilen wahr.

Vielleicht deshalb hat der Soester Stadtsekretär Koep so detailbesessen die außergewöhnlichen Schmausereien beschrieben, die beim Hansetag 1605 im Rathaus stattfanden. Zu diesem Anlass erschienen die Soest untergeordneten Hansestädte aus dem Sauerland (wie Rüthen, Warstein, Medebach) in Gestalt ihrer Abgesandten. Da wollte sich die reiche und eitle Mutterstadt natürlich nicht lumpen lassen.

Zur Vorbereitung gingen die Bürger erstmal auf die Jagd und erlegten eine Hirschkuh „sambt einem kleinen Reheken“. Der zweite Mann der Stadt-Hierarchie, der Kämmerer Johann Menge, war beim peniblen Zerlegen der Beute wachsamer Beobachter. Dann wurden die Fischteiche des Bürgermeisters leergefischt. Doch beklagt unser Chronist, wohl kein seetüchtiger Fänger, das Wasser sei viel zu groß gewesen.

Die ungenügende Ausbeute wurde also ergänzt. Der Höker (Lebensmittelhändler) lieferte große Mengen Butter, acht Pfund grünen Käse, drei Pfund Speck und Salz. Der Bäcker verrechnete 14 Mark für Brot, der Fleischer karrte vier Hammel und 64 Pfund Fleisch für das westfälische Nationalgericht an: Pfeffer-Potthast. Außerdem brachte die Magd des Ratsherrn Jürgen Bettinkhaus noch einen Hasen vorbei.

Dann liegt uns noch die Rechnung des Krämers vor: Mit Riesenmengen an Gewürzen pfefferten die Soester – dem Geschmack dieser Zeit entsprechend – die Kehlen ein. Safran, Nelken, Zucker, Honig, Wein- und Bieressig und „anderer Unrath“ machten den Diplomaten Durst und brachten dem Krämer ein Bombengeschäft.

Gegen den Durst gab es Branntwein. Außerdem verfügte das Rathaus damals über einen eigenen Weinkeller. Die Beamten von heute, die auf die umliegenden Gaststätten angewiesen sind, hören das sicher mit einem weinenden Auge.

Dann geht es am 29. Mai 1604 endlich los: 18 Schüsseln mit Wildbret, ebensoviele mit gesottenem Fisch, drei Wannen mit Gebratenem „von Rehe, samt Hasen, Tauben, jungen Hühnern, Lamm“. Für den Willkommens-Trunk wurden extra zwei kostbare Goldpokale aus der Kanzlei geholt.

Die hohen Herren vergaßen beim Tafeln auch ihre Dienstboten nicht: Türwächter, Köche und die kellnernden Stadt-Diener kriegten jeder seine Schüssel Potthast und eine Maß Wein. „Die Jägers haben bekommen des Abends, wie sie das Wildprädt gebracht, 5 Flaschen Biers und des andern Tags zum Vertrinken eine Tonne Bier.“ Zielwasser?

Anders als heute, da sich fast jeder genug zu Essen kaufen kann, waren solche Bröckchen vom Tisch der Reichen damals eine hochwillkommene Bereicherung des kärglichen Speiseplans der Diener. Doch der großen Masse der Soester ist bei diesen Festmählern nur das Wasser im Mund zusammengelaufen, ohne dass für sie etwas abfiel.

Bezahlt wurde die Schmauserei aus der Stadtkasse, doch weist Sekretär Koep bescheiden darauf hin, dass beim Hansetag 1572 „ungleich mehr daraufgegangen ist wie zu dieser Zeit“. Und er macht für diesen Niedergang der Küchenkultur die schlechten Zeiten verantwortlich.

Mit dem Abrechnen des ganzen Segens hatte der gute Mann übrigens erheblich weniger Spaß als mit dem Essen – wer könnte es ihm verdenken? „Was das Bier belange, gebührt mich nicht zu rechnen, sondern bringe die eingeschriebene Rechnung auf die Rentkammer (die damalige Stadtkasse), und demnächst muss der Rentschreiber rechnen und nicht ich.“

Quelle: Dirk Schümer „Die alten Soester – Vom Alltag der Leute in einer mittelalterlichen Großstadt“

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