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Nieheim Wappen Nieheim

Drei Nieheimer Dichterhäuser

Als eine noch entdeckenswerte „Westfälische Dichterecke“ hat man einmal das Landschaftsdreieck zwischen Detmold, Corvey und Bad Driburg bezeichnet, in dessen Zentrum die Stadt Nieheim liegt. Eine Übertreibung? Keineswegs. Nieheim allein kann mit einer beeindruckenden Zahl von Poeten aufwarten, die freilich selbst in ihrer Geburtsheimat zu den Unbekannten zählen.

In dem alten Ackerbürgerstädchen und seinen einst selbständigen neun Ortschaften – heute zur Stadt Nieheim vereinigt – wurden der Volkszähler Heinrich Schlütz (Erwitzen), der geistliche Sonettendichter Heinrich Schröder (Entrup), der bedeutende Vergilübersetzer Johannes Götte (Merlsheim) sowie die Heimatlyriker Alois Vogedes (Holzhausen) und Johannes Vandieken (Nieheim) geboren.

Durch drei Namen ist die Stadt Nieheim schon deutlicher hervorgetreten: Friedrich Wilhelm Weber (1813 – 1894), Peter Hille (1854 – 1904) und Fritz Kukuk (1905 – 1987). Zugegeben: Autoren recht unterschiedlichen Rangs. Dennoch verdient das Andenken aller in Ehren gehalten zu werden.

Drei gut erhaltene bzw. gerade erst restaurierte Dichterhäuser erinnern an die Zuletztgenannten: das Weberhaus in Nieheim, das Hille-Haus in Erwitzen und der Dorfkrug „Zum Kukuk“ ein Gasthof in Himmighausen.

Das Weberhaus in Nieheim

Wohl am bekanntesten ist das einstige Wohnhaus des Dichters Friedrich Wilhelm Weber, das vor etlichen Jahren zur Bildungsstätte des Kolpingwerks und zur Heimvolkshochschule ausgebaut worden ist und dadurch das ganze Jahr über Bildungs und Freizeithungrige von weither anzieht.

Der Arzt, Politiker und Dichter F. W. Weber verbrachte hier die letzten sieben Jahre seines Lebens (1887 – 1894). Ende des vorigen und im ersten Drittel dieses Jahrhunderts zählte er zu den meistgelesenen deutschen Dichtern. Sein um 900 nach Christus und zwischen Egge und Corvey angesiedeltes Epos „Dreizehnlinden“ erlebte Riesenauflagen, da es in manchen Gegenden Deutschlands auch zur obligatorischen Schullektüre zählte.

Kapelle im Weberhaus

Weber sammelte auf hohem Niveau noch einmal die Ausdrucksweise der klassisch-romantischen Dichtung ein. Insbesondere seine Spruchdichtung hat an therapeutischem Wert bis heute nichts eingebüßt. Die „Vereinigung der Freunde des Dichters F. W. Weber“ (Bad Driburg) sorgt deshalb für immer neue Ausgaben des Weberschen Werks.

Der in Alhausen bei Bad Driburg geborene Dichter (das Geburtshaus ist als eindrucksvolles Heimatmuseum eingerichtet und von Nieheim aus in einer zweistündigen Wanderung gut zu erreichen) verlebte glückliche Jahre in Nieheim, ausgefüllt mit selbstloser ärztlicher Tätigkeit, aber auch der Poesie gewidmeten Stunden, nur unterbrochen durch längere Aufenthalte in Berlin, wo er noch ein Jahr vor seinem Tode als Abgeordneter des hiesigen Kreises an Landtagssitzungen teilnahm. Webers Devise lautete: „Ich diente, und mein Lohn ist Frieden.“ Am 5. April 1894 erlag er einer tückischen Krankheit. Noch heute besuchen manche die Grabstätte des Dichters und seiner Angehörigen auf dem Nieheimer Friedhof. Aber auch die Gedenkräume im Weberhaus sind Besuchern nach Vereinbarung fast immer zugänglich.

Das Hille-Haus in Erwitzen

Nur knapp eine Stunde benötigt der Wanderer, um von der Kernstadt aus auf Waldwegen das versteckte Dörfchen Erwitzen zu erreichen, den Geburtsort des poetischen Mystikers und Weltwanderers Peter Hille (1854 – 1904). Eine passende Einstimmung, denn Hille gilt als Schöpfer des schönsten deutschen Waldgedichtes („Waldesstimme“).

Der unter Literaturkennern schon wegen seiner freundschaftlichen Verbindung mit der Dichterin Eise Lasker-Schüler heute bekannteste Nieheimer Dichter in den letzten Jahren erschien sein Werk in rund 90.000 Exemplaren hat eine vielgestaltige und tiefgründige Dichtung hinterlassen. Er zählt zu den bedeutendsten Wegbereitern der literarischen Moderne in Westfalen. Mehr noch: Peter Hille hat nicht nur Dichtung geschrieben, er hat dichterisch gelebt. So radikal wie sich etwa ein Heiliger Gott zuwendet, hat sich der Erwitzer Dorfschullehrerssohn schon früh der magischen Welt der Wörter verschrieben, dabei ein äußerlich ungeheuer dürftiges, innerlich aber freies und schönheitstrunkenes Leben gelebt.

Hille durchwanderte halb Europa und schrieb, wo er ging und stand. Dem oberflächlichen und nur nützlichkeitsorientierten Blick des Philisters musste er als „Landstreicher“ erscheinen, wer ihn näher kennenlernte, war beeindruckt von seiner tiefen Kindlichkeit, seinem Wissensreichtum und seiner unbeirrbaren Religiosität.

Peter-Hille-Haus

Seine Grabstätte befindet sich in Berlin, wo er sein letztes Lebensjahrzehnt im Kreis namhafter Künstler und Schriftsteller verbrachte. Seine Meditation „Das Mysterium Jesu“, seine Romane und Dramen, seine Prosaskizzen und Essays, vor allem aber seine Lyrik und seine Aphorismen sind erst seit kurzem Gegenstand eingehender Interpretation.

Die 1983 gegründete PeterHilleGesellschaft (Nieheim) zählt zur Zeit rund 300 Mitglieder in ganz Deutschland und hat das von der Stadt Nieheim restaurierte Geburtshaus Hilles in Erwitzen als „Literarische Gedenk und Begegnungsstätte“ eingerichtet. Hier finden Vorträge und Lesungen aus allen Bereichen der Literatur statt gemäß dem Motto: Geschriebene Dichtung ist die Partitur, gesprochene Dichtung das Konzert.

Gruppenveranstaltungen nach Vereinbarung mit der HilleGesellschaft (Tel. 05274 404).

Der Dorfkrug „ Zum Kukuk“ in Himmighausen

Schon seiner kulinarischen Genüsse wegen lohnt sich ein Aufenthalt im schönen alten Dorfkrug „Zum Kukuk“ in Himmighausen, dem lebenslangen Domizil des Heimatlyrikers Fritz Kukuk (1905 – 1987). Unzählige Besuchergruppen erfreute er jahrzehntelang bei Kaffee und Kuchen mit seinen wohlklingenden Versen und Plattdeutschen „Dönekes“, womit er seine Heimat, das „Hagebutterländchen“ zwischen Nieheim und der Egge, in Glanz der Poesie brachte.

In einer hektischen, auf materiellen Wohlstand bedachten Zeit ließ er sich nicht irritieren, die Menschen zur Nachdenklichkeit zu führen und die Heimat als notwendigen Wurzelgrund des Lebens zu preisen. Der völlig unprätentiöse Wortgestalter begriff Dichtung nicht als ästhetisch – expressives, innovierendes Darstellungsmittel (wie etwa Hille), sondern verlieh ihr eine lehrhaft- moralische Funktion.

Seiner die Natur, das schlichte Alltagsleben und die Tugend des kleinen Mannes verklärenden Sprachgebärde lag stets eine erzieherische Absicht zugrunde: Seht, so schön ist eure Heimat, so partnerschaftlich können Menschen miteinander leben, wenn ihr alles zerstörende verbannt! Fritz Kukuk schöpfte aus einem tradierten Ausdruckskanon, benutzte eine poetisch längst festgelegte Skala von Empfindungen und Metaphern, um seine Lebenserfahrung und die Schicksale seiner Zeitgenossen zur Sprache zu bringen. Insbesondere in seinen plattdeutsch verfaßten Büchern „Sturm üawer Land“ und „Kinner van Duarpe“ sprudeln die Quellen des köstlichen Humors. Sein fünfzehnbändiges Werk und eine ebenso umfangreiche Dokumentation (Faksimiles, Briefe, Presseberichte usw.) sind im Archiv des Hille – Hauses in Erwitzen einzusehen. Sein Freund Alfred Aneder (Mannheim) hat alle Dokumente zu dem Leben und Werk Fritz Kukuks zusammengetragen. Der Heimatdichter hat viele ehrenvolle Auszeichnungen im Ausland erfahren. Seine Gedichte (darunter die „Europa Hymne“) wurden in den letzen Jahren vielfach vertont und unter großem Beifall aufgeführt.

Helmut Birkelbach

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