• Das Westfälische Quadrat
Quakenbrück Wappen Quakenbrück

St. Sylvesterkirche

Die ursprünglich romanische St. Sylvesterkirche in Quakenbrück entspricht mit ihren drei zweijochigen Schiffen dem Typ der westfälischen Hallenkirche, zu welcher sie um 1470 umgebaut wurde. Erstmals erwähnt worden ist das Kirchengebäude anlässlich der Gründung eines Kanonikerstifts 1235. Der als Stiftskirche errichtete Bau weist ein frühgotisches Schiff, einen spätgotischen Chor und den 68 Meter hohen spätromanischen Turm mit geschwungener Barockhaube auf.

Der Umbau zur Hallenkirche brachte eine gewaltige Veränderung, die im Wesentlichen bedingt war durch die Herstellung der Rippengewölbe, die das wichtigste Merkmal der gotischen Baukunst sind. Schon in romanischer Zeit entwickelte man die sogenannten Kreuzgewölbe, die aus vier dreieckigen Kappen bestanden. In der fortgeschrittenen Zeit der Gotik lernten die Bauleute, die Sicherung dieser Kreuzgewölbe durch Hausteine herzustellen, die die Gewölbemassen nicht nur der Länge und der Breite nach tragen, sondern sie auch in diagonaler Richtung rippenartig durchziehen, dadurch den festen Rahmen für die Kappen abgeben und im Scheitel, wo sie sich kreuzen, durch einen Schlussstein zusammengehalten werden.

Da auf diese Weise fast die ganze Schwere der Gewölbe, deren Gurte nur mit ihrem unteren Ende die Pfeiler treffen, auf diesen Stützen ruht, so ist es klar, dass dieselben die Neigung haben, nach der Seite auszuweichen. Darum musste man bei der Sylvesterkirche Seiten- und Widerlager schaffen. Man setzte aber – und das ist das zweite Merkmal der gotischen Baukunst – diese Widerlager nicht in die beiden Seitenschiffe, die dadurch, zumal sie nur 4 Meter breit waren, stark beengt und verunstaltet worden wären, sondern man überwölbte auch die Seitenschiffe, erbaute an den Außenseiten der Kirche mächtige Strebepfeiler und setzte sie mittels eines über die Seitengewölbe greifenden Bogens auch mit den Pfeilern des Mittelgewölbes in Verbindung. So leitete man durch diese Bögen den ganzen Seitenschub der Gewölbemassen zu den Außenpfeilern über.

Große Kirchstraße

War aber die Last der Gewölbe den Innenpfeilern zu einem großen Teil genommen, so konnte man sie höher und weniger massiv machen. Das ist das dritte Merkmal der gotischen Baukunst. Dieses Bestreben führte in der Sylvesterkirche zur Anlage von sogenannten Bündelpfeilern, bei denen sich um den eigentlichen Kern des Pfeilers Dreiviertelsäulen legen (anderswo findet man Halbsäulen), die, weil sie als Stützen der Gewölbegurte dienen, „Dienste“ genannt werden. Durch die Anlage der Pfeiler, die die zahlreichen und massigen Stützen der romanischen Bauweise beseitigten, erreichte man zugleich eine enge Verbindung der Seitenschiffe mit dem eigentlichen Inneren der Kirche und gab dem Gesamtbau größere Einheitlichkeit.

Ferner wurde – und das ist das vierte Merkmal der gotischen Baukunst – der Chor der Sylvesterkirche in den Gewölbebau mit einbezogen. Die Gewölbe des Mittelschiffes setzen sich also hier fort und wurden – im Gegensatz zu der ursprünglichen Anlage, deren Apsis halbrunde Form hatte – fünfeckig zusammengeschlossen. Eine Kirchenbeschreibung meldet dazu, dass das Chorgewölbe aus Bruchsteinen angefertigt, während das östliche Gewölbe des Mittelschiffs aus Kiesel- und Ortsteinen und das westliche aus Backsteinen gebaut worden sei.

Auf solche Weise wandelte man den schwerfälligen Massenbau in ein geräumiges Gotteshaus von etwa 6.000 Kubikmeter Rauminhalt um, das im Mittelschiff in der Längsrichtung von West nach Ost zwei quadratische Gewölbejoche mit einer Scheitelhöhe von 14 Metern und in den Seitenschiffen je zwei etwas niedrigere Gewölbe aufweist. Schließlich konnte man, da die Last des Daches von den Pfeilern mitgetragen wurde, die Außenmauern – und das ist das fünfte Merkmal der gotischen Baukunst – mit größeren und höheren Fenstern als bisher ausstatten und dadurch dem Inneren eine Fülle von Licht zuführen.

Durch den Umbau wurde der Kirche St. Sylvester statt der bisherigen romanischen eine rein gotische Form gegeben, und nur vereinzelte Teile, wie beispielsweise die Rundbogenfriese der Seitengewölbe, tragen noch Spuren der romanischen Bauweise.